Späte Rosen – Bürgerliche Tristanminne? (2/2)

Reflexionen zu und von Rudolf über Gottfrieds Tristan in Späte Rosen

Bei zentralen Abschnitten seiner Binnenerzählung geht Rudolf immer wieder auf ein literarisches Werk ein, das ihm als Wegbegleiter diente, um schließlich die romantische und sexuelle Anbindung zu seiner Ehefrau finden zu können: Gottfrieds von Straßburg Tristan. Dahingehend werden in Späte Rosen zwei der bedeutungsvollsten Szenen frei daraus rezitiert – die Minnetrank- und die Minnegrottenszene. Eine kohärente Aufschlüsselung beider ist nicht einfach zu leisten, weil Gottfrieds Tristan ebenso vielschichtig an Diskursen zur Zeit der Mittelhochdeutschen Klassik (1170-1230) wie zu denen innerhalb der Überlieferung des Tristan-Stoffes partizipiert, z. B. an dem Minne-Bild. Ganz allgemein gefasst, knüpft Gottfrieds Tristan an die zeitgenössische Thematik zur Unvereinbarkeit von Liebe und Ehe an, die maßgeblich von Andreas Capellanz‘ De amore (eines der für die Sittengeschichte des Mittelalters prägendsten Traktate zur höfischen Liebe) und dem Altkirchenvater Hieronymus (Sex ist nur als Zeugung von Nachkommenschaft legitim) beeinflusst wurden.

Noch dazu kommt das für gewöhnlich in der schriftlichen Tristan-Überlieferung problematisierte Minnetrank-Motiv, das als Auslöser der Liebe zwischen Tristan und Isolde gilt. Das Phänomen der der daraus resultierenden Tristanminne wird von vielen Bearbeitern mit Vergiftung, Wahnsinn und Krankheit verbunden: Die Liebenden hätten keine Wahl, sie seien durch die Übermacht des Minnetranks dazu gezwungen, sich leidenschaftlich zueinander hingezogen zu fühlen und dies auch regelmäßig sexuell zu verwirklichen. Überdies ist es wichtig zu erwähnen, dass Isolde bereits Tristans Onkel König Marke zur Ehe versprochen ist und sie auch nach der Hochzeit eine Affäre zueinander unterhalten, also Ehebruch sowie Familien- bzw. Treuebruch (Tristan ist Neffe sowie Vasall Markes) begehen.

Allerdings ist es in Gottfrieds Fassung auffällig, dass nicht nur merkwürdige Begleitumstände mit der Trankeinnahme einhergehen, sondern dass der Erzähler grundsätzlich Partei für die „Schuldig-Schuldlosen“ ergreift. Ergänzend dazu bindet er ein Meer-Wortspiel als gegenseitige Liebeserklärung im Dialog zwischen Tristan und Isolde nach der Trankeinnahme ein, das eine eher nicht durch den Minnetrank hervorgerufene seelische, tiefe Verbindung zwischen ihnen evoziert. Sind sie also wahrhaftig tragisch Liebende, gar Seelenverwandte und der Minnetrank ist lediglich ein symbolisches ,Set-up‘?

In diesem Zusammenhang schließt die Minnegrotten-Szene als idyllisch-inszenierter Zufluchtsort an. Nach der Verbannung von Markes Hof leben Tristan und Isolde nach Schilderungen von Gottfrieds Epos nur von der gemeinsamen Liebe, sie bräuchten nichts zu essen, nichts zu trinken, keine räumlich-höfischen Annehmlichkeiten. Der Tag werde bestimmt durch gemeinsames Spazierengehen, Musizieren, Jagen und gegenseitiges Erzählen, wobei ihr beider Hofstaat sich aus den Tieren und Pflanzen des Waldes rekrutierte. Obwohl es dort sogar erstrebenswerter sei zu leben als an König Artus‘ Hof (!), kann die Minnegrotte kein Ersatz für die Teilhabe an der höfischen Gemeinschaft mit deren Wertekatalog sein: Denn Ehre (gesellschaftliche Anerkennung) und Treue (Erfüllung von Tristans Schwur als Vasall und Sippenangehöriger Markes) sei darin nicht (wieder) zu gewinnen. Demnach steht die Hoflosigkeit des Liebespaares für die Heimatlosigkeit ihrer Liebe.

Das Dingsymbol der Rose fasst in seiner Bedeutung das entscheidende Leitmotiv von Gottfrieds Tristan in sich zusammen: Es bestehe immer ein Miteinander von Liebe und Leid, denn „mit den Rosen müsse man auch die Dornen nehmen“. Zwar ist Gottfrieds Tristan unvollendet geblieben. Allerdings ist durch die anderen Bearbeitungen des Stoffes bekannt, dass die Liebesgeschichte zwischen Tristan und Isolde im Tod endet, wobei eine bezeichnende Allegorie zurückbleibt. Auf den nebeneinanderliegenden Grabstätten des Liebespaares wachsen eine Weinrebe sowie eine Rose empor. Letztlich verschlingen sie sich ineinander.

Offener als der Erzähler in der Inszenierung der Minnetrank- und Minnegrotten-Szene in Gottfrieds Fassung positioniert sich Rudolf als Leser auf die Seite von Tristan und Isolde. Sein positives Werturteil bezieht sich auf ihre seelisch-innige, leidenschaftliche Verbindung. Für ihn wird diese zu einem Traumbild, wie sich Liebe wirklich gestalten und anfühlen soll. Den Kurzschluss des Paares nach der Trankeinnahme bewertet er als Fügung des Schicksals, es sei eben Liebe auf den ersten ,richtigen‘ Blick gewesen. Demgegenüber bemerkt er den Ehebruch an Marke zwar, rechtfertigt ihn aber durch die arrangierte Ehesituation, der Isolde, ohne ihren eigenen Willen geltend machen zu können, ausgeliefert ist. Allerdings werden nicht nur die beiden Szenen aus Gottfrieds Tristan in freiem Wortlaut wiedergegeben, sondern es lassen sich auch allerlei thematische sowie symbolische Parallelen zwischen Späte Rosen und dem hochmittelalterlichen Epos ziehen.

Übertragen in die Neuzeit, weist Rudolph starke Ähnlichkeiten zu der Figurengestaltung Tristans auf. So ist Rudolph als Kaufmann in der Ostsee-Schifffahrt tätig, wohingegen Tristan, einige Mal als Kaufmann verkleidet, für seine Reisen auf dem Meer unterwegs ist. In seiner Kaufmannsidentität lernt er Isolde kennen, ihre Liebe ist außerdem symbolisch mit dem Meer verknüpft. Darüber hinaus sind Rudolf und Tristan äußerst gebildet, sind musikalisch und literarisch versiert. Obwohl ihr Talent von anderen wertschätzend erkannt wird, sind sie an ihre primären Verpflichtungen gebunden, die das Ausleben ihrer feingeistigen Natur nur bedingt zulassen. In der Beziehung zu ihrer jeweiligen Partnerin finden sie beide musische Zufluchtsorte, denn die Paare können diese Interessen ausgiebig miteinander teilen.

 

Visualität, Räume und Rosen – Die Dualität von Liebe und Leid

Zwei fundamentale Gemeinsamkeiten zwischen beiden Werken ist das Dingsymbol der Rose und die damit einhergehende Liebeskonzeption.

Der Erzähler in Späte Rosen schildert an Rudolfs Ausdruck eine „fast schmerzliche[] Innigkeit“, als dieser beginnt über seine Ehefrau, ausgelöst durch den Blick auf ihr Profilbild als junge Frau, zu reden. Sowohl das Erlernen der italienischen Buchführung als auch seine geschäftlichen Anstrengungen stellt für Rudolf eine Lebensphase der Entbehrung dar. Zeitlich sowie emotional verzichtet er jahrelang auf seine musische Begabung und gleichsam auf eine erfüllende Liebesbeziehung zu seiner Ehefrau.

Erst ab dem Zeitpunkt, als er seine beruflichen Aufgaben an Teilhaber und Angestellte übertragen kann, ist er dazu in der Lage, sich um seine Leidenschaft in mehrerlei Hinsicht kümmern zu können. In diese Lebenssituation fällt zum einen die Gestaltung des gemeinsamen Landhauses; zum anderen die Erfüllung seiner sehnsuchtsvoll erwarteten Tristanminne. Zwar ist es kein Minnetrank, der seine wahre Liebesempfindung zu seiner Ehefrau auslöst. Allerdings ist der kognitive Vorgang des ,Erblickens‘ in den Kurzschluss-Szenen beider Werke zentral. Der Minnetrank kann erst seine Wirkung entfalten, wenn der Mensch nach der Einnahme einen anderen anschaut. Zudem ist die Entwicklung von Minne in den hochmittelalterlichen Epen und Liedern ohnehin eng mit dem Sehen verknüpft, typischerweise verliebt sich der Mensch über seine Augen.

Im Hinblick auf die Bedeutung der räumlichen Sphären beider Werke fällt auf, dass das Landhaus in Späte Rosen als Hybridraum und somit als Kompromisslösung für den Kultur-Natur-Problemkomplex gelten kann, der in beiden Texten thematisiert wird. Anders als die Minnegrotte ist das Landhaus zwar an der Ostseebucht und in einem Buchenwald gelegen situiert, aber es befindet sich ebenfalls in der Nähe der Stadt. Sowohl das mit der Minnetrank-Szene assoziierte Meer als auch der mit der Minnegrotte verknüpfte Wald tauchen also auf, ohne sich komplett von menschlichen Zivilisationsräumen zu lösen. So ist das Landhaus zwar Zufluchtsort, aber das Ehepaar in Späte Rosen kann mit ihren musischen Aktivitäten auch regelmäßig eine kleine, aktiv an ihrem Leben teilnehmende Gemeinschaft in ihrem Gartenpavillon um sich scharen.

Im Gegensatz zu Tristan und Isolde ist das Paar weiterhin an dem Ort ihrer Liebeserfüllung mit einem standesgemäßen Ansehen gesellschaftlich integriert. Das soll allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein beschwerlicher Weg für Rudolf und seine Ehefrau war, diese Einträchtigkeit zu erreichen. Nur außerhalb der Stadt, fernab beruflicher Überbelastung und Anpassungszwang an die Normen der höheren sozialen Kreise der Gesellschaft, kann ein privater Raum zur Realisierung von kompromissloser Intimität stattfinden. Trotz dieser letztlichen Verwirklichung bleiben Schmerz und Reue zurück, denn die Zeit der Jugend hat das Ehepaar trotzdem für eine ungezwungene Gemeinsamkeit verloren.

Vergleichbar zu Tristan und Isolde ist vorangegangenes sowie gegenwärtiges Leid der Preis für die Liebe. Das spiegelt sich genauso in dem Dingsymbol der Rose in Storms Novelle wider. Nicht nur taucht die Rose im eigens für sie errichteten Rosarium im Garten des Ehepaares auf, sondern Rudolf erwähnt einerseits die starke Neigung seiner Ehefrau für Rosen als ihre Lieblingsblumen sowie den Rosenduft am Morgen seines 40. Geburtstags, andererseits singt die Ehefrau selbst das Lied Oh Jugend, o süße Rosenzeit zum Schluss des Textes.

Analog zum Tristan-Stoff zeigt die Rose die Vergänglichkeit des Lebens, aber auch eine tiefe Verbundenheit an, die über den Tod hinaus anhält. Verstärkt wird diese Symbolik in der Mehrdeutigkeit der uneindeutigen Rosenfarbe. Weder im Titel noch in den Darstellungen in der Novelle werden mögliche Farbnuancen präzisiert. Dementsprechend sind immer gleichwertig weiße, rote und blaue Rosen gemeint, die zum einen für Leid bzw. Tod/ Alter, zum anderen für Liebe/ Jugend und der Suche nach dem Sinn des eigenen Daseins stehen – eine gewollte Ambivalenz, die den semiotischen Kern von Späte Rosen bildet.

 

Abschlussworte

Trotz der verschiedenen Liebesbeziehungskonstellationen und der unterschiedlichen Raum- sowie Zeitverhaftung proklamieren beide Werke eine Vereinigung von Seelenliebe und Sinnlichkeit gegen das Modell der Ehe als Zweckgemeinschaft zur Zeugung sowie Versorgung der Nachkommenschaft. Obwohl über 600 Jahren zwischen der Niederschrift beider Texte liegen, ist die Kritik an den gesellschaftlichen Restriktionen gegenüber der einvernehmlichen, vor allem sinnlichen Selbstbestimmung in der Liebe zweier Menschen zueinander dieselbe geblieben – genauso wie leider auch die öffentliche Empörung über die literarische Befürwortung dieser sinnlichen Selbstbestimmung.