Späte Rosen – Bürgerliche Tristanminne? (1/2)

Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Tee bei Storm“, die uns in der Regel einmal im Monat durch die dunkle Jahreszeit des Winters begleitet, hielt ich am 11.11.2025 einen Vortrag zu „Die Minnerezeption von Tristan und Isolde in Theodor Storms Späte Rosen“. Dabei erklärte sich liebenswerterweise, wie in dem Jahr zuvor, meine Kollegin Daniela Scheele dazu bereit, mich durch das Vorlesen wichtiger Textpassagen zu unterstützen, sodass viele Kernpunkte in den Argumentationsstrukturen besser veranschaulicht werden konnten.

Daran anschließend soll in diesem Blogbeitrag ein Rückblick auf die in dem Vortrag vorgenommene Analyse der textinternen Referenzen zu Gottfried von Straßburgs Tristan in Theodor Storms Späte Rosen vorgenommen werden. Ein besonderer Schwerpunkt wird dabei auf dem mentalitätsgeschichtlichen Nachhall der (Hoch-)Mittelalter-Rezeption nach Aufklärungs- und Romantikbewegung in der Moderne gelegt, wie er sich am Beispiel des in Späte Rosen verarbeiteten Minne-Bildes darstellt. Es soll veranschaulicht werden, dass Storms Novelle eine für die Neuzeit außergewöhnliche Tristan-Bearbeitung ist, die sich intensiv mit den wichtigsten Themenkomplexen in der Fassung Gottfried von Straßburgs auseinandersetzt: die ambivalente Dualität von Liebe und Leid im Sinnbild der dornigen Rose, die Raum-Divergenz von Kultur und Natur, die Eva-Typologie sowie der memoria-Gedanke. Aus pragmatischen Gründen kann in diesem Blogbeitrag hauptsächlich nur auf den Liebe-Leid-Komplex und am Rande auf die Bedeutung der räumlichen Sphären dafür in beiden Werken eingegangen werden.

Schließlich kann sich durchaus das gewagte Urteil fällen lassen, dass Gottfrieds Tristan und Storms Späte Rosen nicht nur als Erzeugnisse zweier verkappter Erotiker ihres jeweiligen historischen Kulturraums verstanden werden können, sondern auch als Kritik über literarisch-vorgenommene Tabubrüche an dem jeweils in der Gesellschaft geltenden Werte- und Normenkatalog zu Liebe, Sexualität und Ehe.

 

Zeitgenössische und gegenwärtige Beurteilungen zu Späte Rosen

Nach eigener Datierungsangabe verfasste Theodor Storm die Novelle 1859 in Heiligenstadt. Ihr Erstdruck erfolgte im fünften Band der Argo (Album für Kunst und Dichtung). Ab 1868 nahm Storm Veränderungen an dem Text vor, die aber in deren Ausmaß gering ausfielen. Der Schriftsteller selbst war überzeugt von dessen literarischer Wertigkeit. Nach seinem Auslegungsverständnis des Poetischen Realismus sah er diese Novelle formvollendet in deren Programmatik verhaftet. Aber nicht nur das, er pries Späte Rosen neben Immensee, Im Schloss, Auf der Universität als dasjenige Werk an, das beispielhaft als Beleg für seine künstlerische Eigenständigkeit gelte. Alle vier Prosatexte seien „überall ganz realistisch ausgeprägt und dabei in der ganzen Durchführung doch durch den Drang nach Darstellung des Schönen und Idealen getragen“ (Storm an Hartmuth und Laura Brinkmann, 21.Januar 1858).

Im Gegensatz dazu fielen die zeitgenössischen Beurteilungen nüchtern aus. Vor allem Theodor Fontane verbarg nicht seine Abneigung gegen den Text. In seiner gewohnt spöttischen Manier beschrieb er Paul Heyse in einem Brief, wie die Novelle in der letzten Rütli-Sitzung vorgelesen worden war und wie seine Meinung am Ende zu ihr ausfiel: „Eigentlich ist die Sache schlimmer, als ich sie hier geschildert habe, denn man sieht Stormen beständig bibbern und zittern, wodurch die Affäre etwas höchst Bedenkliches kriegt“ (Fontane an Paul Heyse, 19. Mai 1859). Das „Storm’sche Bibbern“ ist eine Irritation, die Fontane häufig von Storms Werken abstieß, wie z. B. der Briefwechsel mit seiner Ehefrau Emilie zeigt. Denselben Effekt hatte wohl auch Späte Rosen auf ihn. Viele Szenen darin schien er als zu emotional sowie sexuell anstößig wahrzunehmen, weswegen er den Novellenstoff insgesamt als belanglos, aber genauso als unsittlich empfand.

Fontanes generelle Geringschätzung gegen die Novelle entspricht dem Tenor des Bewertungskonsenses in der Literaturwissenschaft. Bis heute hat sich die Storm-Forschung kaum mit Späte Rosen beschäftigt, weil sie ebenso keine mehrdimensionalen Bedeutungsebenen darin konstruiert sieht. Zumeist begnügt man sich mit einem simplen, rein hermeneutischen Zugang, um die Novelle interpretatorisch einzuordnen. Folglich habe Storm die Veränderung seiner Liebeseindrücke und der damit einhergehenden emotionalen Erwartungshaltung an die Beziehung mit seiner ersten Ehefrau Constanze darin verarbeitet.

Bedingt durch die von Storm herbeigesehnte Leidenschaft in der romantischen sowie sexuellen Verbindung zu einer Frau, die ihm nach eigenen Aussagen in den frühen Ehejahren mit Constanze in Husum gefehlt und deren Erfüllung er dafür in der außerehelichen Affäre mit Dorothea Jensen gefunden habe, habe er kritisch darüber während den gemeinsamen Heiligenstädter Lebensjahren mit Constanze reflektiert. Der konkrete Anstoß für diese innere Auseinandersetzung Theodor Storms sei Constanzes Abwesenheit aus Heiligenstadt (eine Reise 1858 nach Segeberg und Husum) gewesen. Späte Rosen ließe sich somit als Versöhnung mit den eigenen Gefühlen und als eine daraus entstandene Liebeserklärung an Constanze lesen. Nach dieser hermeneutischen Lesart schwinge dann vonseiten Theodor Storms der literarische Anklang einer reallebensweltlichen Wiedergutmachungsbestrebung in der einvernehmlich harmonischen Gestaltung der gemeinsamen Ehe für die Zukunft mit.

Ohne Frage ist es legitim, einen Text unter biographischen Gesichtspunkten zu betrachten; zumal die literarische Verarbeitung der Realität (z. B. von real existenten Geschehnissen und deren Schauplätzen) ein Kernanspruch des Poetischen Realismus ist und es noch dazu belegt werden kann, dass Theodor Storms eigene Lebenseindrücke, Erfahrungen sowie Erinnerungen immer in den Schaffensprozess von sowohl seiner Lyrik als auch von seiner Prosa einflossen. Nicht zu unterschätzen ist dabei die therapeutische Wirkung, die Storm als Leser und Erschaffer aus Literatur zog. Allerdings entsteht Literatur nie über den reinen Vorgang von Addition und Kontamination, sie ist immer auch das Ergebnis eines Schöpfungsaktes. Nicht nur besitzt sie stets einen künstlerischen Eigenwert (egal ob man diesen als „hoch-“ oder „minderwertig“ einstuft; Bewertungskriterien sind kulturell geformt, deswegen nicht allgemeingültig), sondern sie erhält dadurch auch ein ganzes Spektrum an Interpretationsmöglichkeiten.

Die Bedeutung eines Textes kann sich auch aus sich selbst heraus generieren, wobei er trotzdem ein raum- sowie zeitgebundenes Erzeugnis bleibt. Ein für Storms Werke gängig bemerkenswerter Zugang ist der textsemiotische. Es wird sich auch für diese Novelle zeigen, dass ein solcher äußerst ertragreich sein kann, weil sich ein ganzes Geflecht an Bedeutungsfäden durch die Überebene des Werks zieht. Dabei ist, wie bereits angeklungen, ein zentraler Knotenpunkt die textinterne Positionierung der Novelle in einem jahrhundertelangen Diskurs über das Minne-Bild, speziell über die sogenannte Tristanminne.

 

Inhaltliche Zusammenfassung der Novelle

Die Handlung von Späte Rosen setzt mit dem Besuch des namentlich nicht bestimmten Erzählers bei seinem Jugendfreund Rudolf an einem „klaren Nachmittag“ im Oktober auf dessen Landhaus in der Nähe einer norddeutschen Stadt ein. Beide Männer haben sich 20 Jahre lang nicht mehr gesehen. Zwar hatten sie viel Zeit in der gemeinsamen Kindheit und Jugend verbracht, aber die unterschiedliche Berufswahl trennte sie dann ab dem beginnenden Erwachsenenalter voneinander: Der Erzähler verschrieb sich nach eigener Aussage „der Wissenschaft“, Rudolf schlug eine Karriere als Kaufmann ein.

Diesen Umstand hebt der Erzähler deswegen hervor, weil sie vor dem Erwachsenendasein getauschte Interessen gehabt hätten. Früher war es der Erzähler, der viel mit kaufmännischem Rechnen hantiert habe; im Gegensatz zu ihm war es Rudolf, der sich der Literatur gewidmet habe. Während die Freunde zusammen, in Erinnerungen schwelgend, auf der Terrasse sitzen, berichtet Rudolf von seinem beruflichen Werdegang, der emotional eng mit seiner Eheschließung und Familiengründung verknüpft ist.

An Rudolf zehrte es nicht nur jahrelang, seine Leidenschaft für Literatur gegen die „italienische Buchführung“ eingetauscht zu haben, sondern auch die geschäftlichen Krisen und die kraftraubende Verantwortung als Geschäftsführer einer Dampfschifffahrt-Sozietät, belasteten ihn nachdrücklich. Ein offenes Ohr zur Erleichterung seiner Seelenlast fand Rudolf in einer Freundin seiner Schwester. Sie gab ihm ermunternden Zuspruch, schalt ihn aber gleichfalls, um ihn am Aufgeben zu hindern. Das Vertrauensverhältnis zu ihr stellte das Fundament für die spätere Eingehung der Ehe mit ihr. Trotz beiderseitiger, harmonischer Kameradschaft und dem Aufziehen der gemeinsamen Kinder konnte Rudolf seinem Verständnis nach viele Jahre über keine ,erfüllte Liebe‘ bei ihr finden. Als er am Morgen seines 40. Geburtstags jedoch das Profilbild erblickte, das seine Ehefrau als junge Frau abbildet, wendete sich die Situation für ihn: Das Bildnis öffnete ihm die Augen zur Erkenntnis ihres schönen Wesens, sodass er anfing Leidenschaft für sie zu empfinden.

 

Fortsetzung folgt…