Poeten lieben Kuchen

Text von Kristin Siemon, B. A. (Praktikantin vom 03.03. bis zum 20.03.2026)

 

Möchte man sich Theodor Storm annähern, so lohnt es sich auch, den Blick auf etwas Alltägliches zu richten: seine Essgewohnheiten. Denn über Speisen und Getränke wird nicht nur der Dichter sichtbar, sondern auch der Mensch dahinter. Wir alle müssen essen, doch was und wie Storm seinerzeit isst, erzählt viel über sein Leben und seine Umgebung.

Storm ist ein fleißiger Briefeschreiber. Aus diversen Briefen, die sich beispielsweise an seine Eltern richten, erfahren wir viel über seine kulinarischen Vorlieben. Als Jurist und später Landvogt bewegt er sich in einem Umfeld, in dem Einladungen zu Kaffee- und Abendgesellschaften zum Alltag gehören. Im Mittelpunkt seines Lebens stehen seine Familie und Geselligkeit: gemeinsame Nachmittage, Vorlesestunden und Besuche bei Freunden prägen seinen Alltag. Und immer wieder taucht auch Essen und Trinken als verbindendes Element auf.

Besonders deutlich wird das beim Teetrinken. Als Norddeutscher gehört der Tee am Nachmittag für ihn zum festen Ritual. So schwärmt er von geselligen ,,römischen Abenden‘‘, bei denen „man geht und kommt, wie man lustig ist, ohne allen Zwang“, und bei denen es „nichts als eine Tasse Tee“ gebe. Donnerstags treffen sich dazu 15 bis 20 Familien, es wird gesungen und gelesen. Gleichzeitig ist der Tee im familiären Rahmen ein fester Bestandteil seines Tagesablaufs. Besonders eindrücklich schildert Storm das gemeinsame Teetrinken mit Frau und Kindern am späten Nachmittag, der ihm „eine wahre Erquickung von der Arbeit und immer einen Lichtpunkt in dem grausten Tag“ bedeute. Selbst in der Ferne bleibt der Tee für ihn ein Stück Heimat, wenn er schreibt, hinter ihm stehe „der kleine Theekessel und kocht ganz wie in Husum“. Dadurch wird die Sehnsucht nach dem vertrauten Zuhause erfahrbar.

Auch die nordfriesische Küche spielt in seinen Briefen eine wichtige Rolle. Fischgerichte wie die Scholle, aber auch Fliederbeersuppe, Birnen mit Teig und Speck oder Rote Grütze verweisen auf seine enge Verbundenheit mit der Heimat. In einem Brief schildert er humorvoll: ,,Da stürzt nun auch Doris noch mit der Hiobsbotschaft ins Zimmer, dass in der ganzen Stadt keine Makrelen zu haben seien.‘‘

Weihnachtsgebäck erfreut sich einer besonderen Beliebtheit bei Theodor Storm. Vor allem der braune Kuchen findet in seinen zahlreichen Briefen immer wieder Erwähnung. Diese süßen Teilchen, reich an Zucker, Butter und gehackten Apfelsinenschalen, gehören für die Storms zum Weihnachtsfest dazu und verbinden sich für ihn mit Kindheitstagen. „Es wird Weihnachten! Mein ganzes Haus riecht schon nach braunem Kuchen – versteht sich nach Mutters Recept.“ Solche Düfte und Geschmäcker wecken Erinnerungen. Ähnlich verhält es sich mit den „Futtjes“, deren Genuss für ihn „den Duft der Jugend“ heraufbeschwöre.

Auch der Humor kommt in seinen Erzählungen nicht zu kurz. Nach einem anstrengenden Spaziergang berichtet Storm, wie ihn „einige Tassen Thee mit vielen guten Kuchen […] wieder auf die Beine brachten“ und fügt augenzwinkernd hinzu, „erfahrungsmäßig essen alle Poeten gern Kuchen […]“. In seinen Briefen hält er diese alltäglichen Beobachtungen mit Leichtigkeit und Witz fest. Einmal schildert er in einem Brief an seine Eltern auf humorvolle Weise, wie er „echt eichsfeldsch betrogen“ worden sei und dass er ,,auf ersteres Weibsbild fahnden lassen‘‘ wolle. Statt des von ihm erwarteten Honigs bekommt er nämlich nur Weizensirup oder Möhrensaft verkauft. Um den Kindern eine Freude zu bereiten, kauft er einen Topf mit Honig, doch als nachmittags ,,beim Thee die Herrlichkeit los gehen soll‘‘, bemerkt er den Betrug.

In seinen Briefen zeigt sich wiederholt, dass Essen für Theodor Storm nie nur Mittel zum Zweck ist. Es ist Erinnerung, Heimat und Geborgenheit. Seine Briefe erzählen von erfolgreicher Obsternte, die kaum zu bewältigen ist, eingekochten Vorräten und gemeinschaftlichen Mahlzeiten.

Dass Storm sich überhaupt für Küchenarbeit interessiert, ist für seine Zeit nicht selbstverständlich. Vielleicht erklärt sich dies durch die vielen Frauen in seinem Umfeld, die den häuslichen Alltag prägen. Gelegentlich steht Storm aber selbst in der Küche, sei es beim Mischen von Punsch, beim Hacken von Zutaten für die Weihnachtsbäckerei oder bei der Zubereitung eines Beefsteaks. Sogar ein ureigenes Punschrezept hat er hinterlassen. Das Original befindet sich aber (leider) im Privatbesitz in Hademarschen.

 

Nachweise:

Die Zitate sind folgenden Werken entnommen:

Kleines Storm-Kochbuch. Auf kulinarischen Spuren des Dichters mit einem Vorwort von Antje Erdmann-Degenhardt. Fotografiert von Günter Pump. 2017.

Theodor Storm und seine Eltern: Theodor und Constanze Storm – Lucie und Johann Casimir Storm. Briefwechsel 1852/53–1864. Kritische Ausgabe, hg. von Regina Fasold, Teilband 1, Berlin 2023.