Audioguide zur Ausstellung
Fragile Fäden. Malerei und Zeichnung von Horst Sakulowski
Theodor Storm: Pole Poppenspäler – Zweiter Teil (junger Erwachsener): Paul trifft Lisei in einer mitteldeutschen Stadt (Heiligenstadt) wieder
Transkript
„Ich ging durch das Gäßchen nach dem Kirchenplatz; und dort vor dem großen hölzernen Kruzifixe auf der gefrorenen Erde lag das junge Weib, den Kopf gesenkt, die Hände in den Schoß gefaltet. Ich trat schweigend näher; als sie aber jetzt zu dem blutigen Antlitz des Gekreuzigten aufblickte, sagte ich: »Verzeiht mir, wenn ich Eure Andacht unterbreche, aber Ihr seid wohl fremd in dieser Stadt?« Sie nickte nur, ohne ihre Stellung zu verändern.
»Ich möchte Euch helfen!« begann ich wieder, »sagt mir nur, wohin Ihr wollt!«
»I weiß nit mehr wohin«, sagte sie tonlos und ließ das Haupt wieder auf ihre Brust sinken.
»Aber in einer Stunde ist es Nacht; in diesem Totenwetter könnt Ihr nicht länger auf der offenen Straße bleiben!«
»Der liebi Gott wird helfen«, hörte ich sie leise sagen.
»Ja, ja«, rief ich, »und ich glaube fast, er hat mich selbst zu Euch geschickt!«“
„Es war, als habe der stärkere Klang meiner Stimme sie erweckt; denn sie erhob sich und trat zögernd auf mich zu; mit vorgestrecktem Halse näherte sie ihr Gesicht mehr und mehr dem meinen, und ihre Blicke drangen auf mich ein, als ob sie mich damit erfassen wolle. »Paul!« rief sie plötzlich, und wie ein Jubelruf flog das Wort aus ihrer Brust – »Paul! Ja di schickt mir der liebe Gott!«
Wo hatte ich meine Augen gehabt! Da hatte ich es ja wieder, mein Kindsgespiel, das kleine Puppenspieler-Lisei! Freilich, eine schöne schlanke Jungfrau war es geworden, und auf dem sonst so lachenden Kindergesicht lag jetzt, nachdem der erste Freudenstrahl darüberhin geflogen, der Ausdruck eines tiefen Kummers.“
Impressum
Text: Theodor Storm, Ausschnitt aus „Pole Poppenspäler“ in „Sämtliche Werke“ (1877-1889; 1898)
Sprecher: Ulrich Potrykus
