Ein Rückblick auf die 33. Stormtage

Am ersten Juliwochenende fanden im Literaturmuseum „Theodor Storm“ wieder die traditionellen Stormtage statt. Das diesjährige Tagungsthema widmete sich dem Familienverständnis des 19. Jahrhunderts anhand von Theodor Storms Werk sowie seiner eigenen Familiengeschichte. Über 200 Gäste nutzten die Gelegenheit, wissenschaftliche Vorträge, kulturelle Veranstaltungen und anregende Gespräche zu erleben.

Die Stormtage wurden am Freitagabend mit der Begrüßung durch die Vorsitzende des Theodor-Storm-Vereins, Monika Potrykus, eröffnet. Nach den Grußworten der Ersten Beigeordneten der Stadt Heilbad Heiligenstadt, Ute Althaus, hieß auch Museumsleiter Dr. Gideon Haut die Gäste herzlich willkommen. Er stellte zudem die neu erschienenen Storm-Blätter (27. Jahrgang) vor, die die Beiträge der wissenschaftlichen Vorträge der vergangenen Stormtage dokumentieren.

Fünf Personen stehen nebeneinander.

(v. l. n. r.) Hans-Georg Kleppe, Uta von Beckerath, Prof. Dr. Eckart Pastor, Dr. Regina Fasold und Lea Tusch.

Den Auftakt des kulturellen Programms bildete die Uraufführung der szenischen Lesung „Fanny & Do oder So ein Theater“. Verfasser des Stücks ist Prof. Dr. Eckart Pastor, der an diesem Abend auch die Regieanweisungen las. Mitwirkende waren Dr. Regina Fasold als Dorothea Storm, Lea Tusch als Fanny Gräfin zu Reventlow, Uta von Beckerath als Emilie Gräfin zu Reventlow sowie Hans-Georg Kleppe, der ausgewählte Gedichte Theodor Storms vortrug.

Der Samstag begann mit dem wissenschaftlichen Vortrag von PD Dr. Anja Schonlau: „Das Gefühl Familie im 19. Jahrhundert. Schichtenspezifische Familienkonzeptionen in Theodor Storms Heiligenstädter Novellen aus emotionsanalytischer Perspektive.“ Anhand von Storms Heiligenstädter Novellen zeigte sie, wie sich die Darstellung von Emotionen im 19. Jahrhundert verändert. Gefühle werden bei Storm häufig nicht mehr unmittelbar benannt, sondern über körperliche Reaktionen wie Erröten oder das Klappern der Zähne vermittelt. Darüber hinaus erläuterte sie, wie wichtig es für das Verständnis literarischer Texte ist, die historischen Bedeutungen von Emotionen und ihren Ausdrucksformen zu berücksichtigen. Ein weiterer Schwerpunkt ihres Vortrags war die Frage, wie „gute Mütter“ in den Werken Theodor Storms dargestellt werden und welche zeitgenössischen Familienvorstellungen sich darin widerspiegeln.

Im Anschluss widmete sich Dr. Christian Neumann in seinem Vortrag „Verlorene Söhne. Der Zerfall der modernen Familie in Dörte Hansens Romanen und in Theodor Storms Novelle Hans und Heinz Kirch“ dem Wandel familiärer Beziehungen in der Literatur. Dabei stellte er Theodor Storms Novelle Hans und Heinz Kirch den Romanen der Husumer Autorin Dörte Hansen gegenüber und arbeitete Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Darstellung von Familie, Generationenkonflikten und gesellschaftlichem Wandel heraus. Am Beispiel von Storms Novelle stand insbesondere die Frage im Mittelpunkt, inwieweit der Vater selbst Verantwortung für den Bruch mit seinem Sohn trägt und ob der Kontaktabbruch als Folge seines eigenen Handelns verstanden werden kann. Die Gegenüberstellung mit Dörte Hansens Romanen zeigte, dass familiäre Konflikte und ihre Ursachen bis heute ein aktuelles literarisches Thema geblieben sind.

Zwei Männer halten ein Kunstwerk zwischen sich.

Museumsleiter Dr. Gideon Haut (rechts) nahm das Kunstwerk mit großer Freude entgegen.

Nach der Mittagspause referierte Prof. Dr. Eckart Pastor über „Das ,ziemlich stattliche Ahnenbild‘ in Carsten Curator“. Uta von Beckerath unterstützte den Vortrag mit Lesungen ausgewählter Textpassagen aus Storms Novelle. Einen besonderen Höhepunkt bildete die Enthüllung einer Kunstschenkung: Im Auftrag von Prof. Dr. Pastor schuf die Künstlerin Justine Pierart das im Text beschriebene Ahnenbild:  „Anderseits aber fehlte es nicht an einem ziemlich stattlichen Ahnenbilde, in dessen Anschauung der kleinbürgerliche Mann, wenn auch nicht in der französischen  Formulierung »Noblesse oblige«, in schweren Stunden sein wankendes Gemüt zu stärken pflegte. Es war dies freilich kein farbenbrennendes Ölbild, sondern ganz im Gegenteil nur eine mächtig große Silhouette, welche, in braun untermalten Glasleisten eingerahmt, an der westlichen Wand zunächst dem Ausbaue hing, so daß der Hausherr von seinem Arbeitstische aus die Augen darauf ruhen lassen konnte.“ [Theodor Storm, Carsten Curator, 1878.] Das Gemälde wurde dem Literaturmuseum feierlich übergeben.

Leinwand vor dem Altarraum in einer Kirche.

Am Nachmittag bot sich den Gästen bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen im Rosengarten die Gelegenheit, das neue Gemälde zu betrachten und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Der Samstagabend führte die Besucherinnen und Besucher in die St. Aegidienkirche in Heiligenstadt. Dort begleitete Organist Marius Beckmann den Stummfilm „Zur Chronik von Grieshuus“ mit einer live improvisierten Orgelmusik. Die Verfilmung der gleichnamigen Novelle Theodor Storms entstand 1925 im Auftrag der Ufa unter der Regie von Arthur von Gerlach; die Drehbuchvorlage bearbeitete Thea von Harbou. Der restaurierte Film stammt aus dem Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden. Erzählt wird die Geschichte des Anwesens Grieshuus im Holstein des 17. Jahrhunderts, in deren Mittelpunkt der Erbstreit zwischen den Brüdern Detlev und Hinrich steht. Die eindrucksvolle Verbindung von Film und improvisierter Orgelmusik machte den Abend zu einem besonderen Erlebnis.

Den Abschluss der Stormtage bildete am Sonntagvormittag ein Stadtspaziergang auf den Spuren von Otto Storm, dem jüngeren Bruder des Dichters. Die Museumsmitarbeiterinnen Henriette Roth (links) und Daniela Scheele (rechts) führten die Teilnehmenden durch Heiligenstadt und gaben spannende Einblicke in das Leben des Gärtners. An den originalen Schauplätzen seines Wirkens wurde deutlich, dass Otto Storm weit mehr war als der „Bruder von Theodor“. Die Führung zeichnete seinen Weg vom schleswig-holsteinischen Freiheitskämpfer über die Ausbildung zum Kunstgärtner Zwei Frauen stehen vor einer Mauer und schauen beide jeweils auf Papiere in ihrer Hand. bis zum erfolgreichen Gründer einer der bedeutendsten Handelsgärtnereien Heiligenstadts nach. Gleichzeitig lernten die Gäste Otto als engagierten Bürger, humorvollen Freund, Familienmenschen und Gelegenheitsdichter kennen. Briefe der Familie Storm, zeitgenössische Zeitungsanzeigen sowie bislang wenig bekannte Quellen ermöglichten dabei einen lebendigen Blick auf sein Leben und seine Persönlichkeit.