Bötjer Basch – Macht und Ohnmacht der Sprache (2/2)

Vater und Sohn

Zentral für das Verständnis des Wechselspiels von Sprache und Macht im Text ist die Ambivalenz in der symbolischen Parallelisierung von Vater und Sohn. Auffällig erscheint bereits die semantische Zweideutigkeit des Novellentitels. Denn die Benennung als „Bötjer Basch“ (man beachte, in plattdeutscher Dialektfärbung) kann sich sowohl auf Daniel als auch auf Fritz als Hauptfigur beziehen. Bis zum Ende wird diese Ambiguität nicht aufgelöst. Es erscheint also gewollt, dass beide gleich gemeint sind.

Neben der Namensgleichheit steht eine grundlegende charakterliche Andersartigkeit zwischen Vater und Sohn. Im Gegensatz zu Fritz wird Daniel nicht als machtorientierter Charakter skizziert. Daniel spielt nicht mit Sprache, gar versteht er sich als Rhetor oder verwendet Sprache in irgendeiner Art als Instrument, um seinen Willen durchzusetzen. Stattdessen ist Sprache für ihn ein Mittel zur direkten Kommunikation bzw. zur Einholung von Informationen, inwiefern Grenzen und Ordnung in der Lebenswelt bestehen. Auf seine Art akzeptiert Daniel die bestehenden gesellschaftlichen Machtstrukturen und fügt sich in diese ein.

Deutlich wird dies in einer weiteren Kindheitsszene von Fritz, in der Tante Salome die Familie sonntags zum gemeinsamen Kaffeetrinken besucht. Fritz fällt sofort die üppige, weiße Haube mit den Bändchen, auf ihrem Kopf sitzend, auf, sodass er gänzlich davon abgelenkt ist. Nach dem Versäumnis sie zu begrüßen, worauf ihn seine Mutter auf Hochdeutsch auffordert, seinen Gruß anständig nachzuholen, wiederholt Fritz diesen nicht nur in äußerst verknappter Form, sondern antwortet der Tante auf ihre Nachfrage hin mit einem „spitzbübisch[en]“ Wortspiel auf Plattdeutsch, um die Haube zu kommentieren. Zwar droht ihm die Tante mit erhobenen Finger und nennt ihn einen Schlingel, jedoch gibt es keine Konsequenzen für Fritz‘ durchaus freches Verhalten.

Beim Anblick von Fritz‘ Schemel, auf dem auch Daniel als Kind einst saß, erinnert er sich an eine ähnliche Szene aus seiner Kindheit zurück. Anders als Fritz gelang es Daniel aber weder den eigenartigen Kopfschmuck der Tante zu verbalisieren, noch mit seinem Schweigen, das bereits als ungehöriges Verhalten von seinem Vater empfunden wurde, ,davonzukommen‘. Auf die Bemerkung Lines hin, dass sie dachte, dass Fritz das ,Versemachen‘ von Daniel mitbekommen habe, erwidert Daniel (anhand dieses Kontrasts wird der Unterschied zwischen Vater und Sohn wörtlich präzisiert):

»Nein, Linchen, das ist es eben: ich bekomme meinen Backenstreich und falle vom Schemel; der Fritz macht seinen Vers und läuft zur Tür hinaus.«

Genauso verhält es sich mit der Verwendung plattdeutscher Redensart im Alltag. Im Gegensatz zu Fritz wurde Daniel effizient das Hochdeutsche als Kind anerzogen. Ihm wurde rigoros verboten, Plattdeutsch zu reden. Auch mit Gewalt des Vaters wurden Erziehungsmaßnahmen absolut durchgesetzt. Was an dieser Stelle alles noch als kindlicher Spaß anklingt, den Salome und Daniel von Fritz ohne Verstimmtheit gewähren lassen, wird sich im Laufe der Handlung zu einem Problemkomplex verschärfen.

 

Fritz und sein fehlendes Mitgefühl

Die eigentliche Lektion, die Fritz verinnerlichen muss, besteht darin, Einfühlungsvermögen seinen Mitmenschen gegenüber zuzulassen und das in seiner damit einhergehenden Lebenssinnfindung zu priorisieren. Vor allem in diesem Bedeutungszusammenhang ist ihm sein Vater Daniel ein moralischer bzw. ethischer Kompass. Im Vergleich zu Fritz ist Sprache für Daniel dahingehend ein Mittel, um Emotionen zu äußern und sie von anderen zu empfangen. Sie dient ihm dazu, sich auf andere Menschen ,einzulassen‘, um zwischenmenschliche Bindungen aufzubauen bzw. zu stärken. Das erfordert Vertrauen, aber auch Unterordnung eigener Machtbedürfnisse zugunsten derer seiner Mitmenschen. Fritz misslingt es bzw. verweigert es lange, diese Bedeutung von Sprache zu erfassen und ihre Wichtigkeit dahinter wertzuschätzen.

Das Familienglück zwischen Fritz und seinen Eltern währt nur ein paar Jahre lang: Nach Lines Niederkunft mit dem zweiten, gemeinsamen Kind sterben sie und die neugeborene Tochter. Trotz großer Trauer versuchen Vater und Sohn in einen normalen Alltag zurückzukehren, der nun auch den Besuch Fritz‘ an der naheliegenden Kippschule und der darauffolgenden Gelehrtenschule einschließt.

Sowohl nach der Geburt der Schwester, die Line und das Neugeborene bereits geschwächt zurücklassen, als auch nach dem Tod der beiden versagt Fritz darin, seine Emotionen wahrhaben zu können. Auf die Frage hin, ob Fritz seine Schwester leiden könne, schüttelt er lediglich den Kopf, verwehrt beiden körperliche Nähe und flieht aus der Situation nach draußen. Die Flucht vor dem Zulassen negativer Gefühle, z. B. durch Überforderung oder um (vermeintlich) der Verantwortung für seine Taten zu entgehen, zeigte sich in der bereits thematisierten Szene am Kaffeetisch.

Nach dem Tod von Mutter und Schwester geht Fritz sogar soweit, seine Sprache zur Negation negativer Lebensumstände und als Ablehnung von Trauer zu nutzen. Eine damit einhergehende, erneute Parallelisierung mit Daniel setzt mit der Einleitung dieses Problemkomplex-Bestandteils ein. Fritz steht gemeinsam mit seinem Vater sowie Tante Salome am offenen Sarg von Mutter und Schwester. Daraufhin sagt Salome, dass das Neugeborene die Mutter mit sich genommen habe. Die Reaktionen des Vater-Sohn-Gespanns sind wie folgt:

Daniel nickte stumm und sah, wie keines Gedankens mächtig, auf seine Toten; aber des Knaben Gehirn war durch das Wort der Alten aufgestört: »Mitnamen, Vatter?« frug er leise. »Warum? Warum doch?« Meister Daniel blickte auf seinen Jungen, der mit erwartenden Augen zu ihm aufsah: »Das weiß nur der liebe Gott! – sagte er, und seine Lippen zitterten, »vielleicht… das arme kleine Ding, es hat wohl so allein nicht in die weite dunkle Ewigkeit hineingekonnt.« 

Nachvollziehbarerweise kann das Kind den Satz der Tante, den er wörtlich genommen haben muss, nicht einordnen. Dabei bleibt es aber nicht, denn ein geeigneter Verarbeitungsprozess der Trauer fällt gänzlich aus. Anders als Daniel und Salome, die durch diese Erklärungsmuster nach einem Sinn im Angesicht von Trauer und Tod ringen, aber dann zur Akzeptanz ihrer Machtlosigkeit und damit verbundenen Ohnmacht ihrer Sprache zurückkehren, verwendet Fritz diese Erklärungsmuster, um sich genau dieser Akzeptanz zu verweigern. Stattdessen demonstriert er vermeintliche Überlegenheit.

So meint er später zu seinem Vater, dass es besser sei, dass die Schwester zusammen mit der Mutter gestorben sei. Denn aufgrund ihrer kleinen, verletzlichen Gestalt habe die Schwester vor Gott wohl einen Beistand in der Mutter haben müssen. Alleine habe die Schwester wohl Angst vor ihm gehabt. Daraufhin widerspricht ihm Daniel, dass niemand Angst vor dem lieben Gott haben müsse. Außerdem betont er die Weichheit von Mutterhänden, die Fritz als Kind weiterhin gebraucht hätte. Sichtlich in die Ecke deswegen gedrängt, kontert Fritz seinem Vater, dass er gar keine Mutter brauche, weil er ein Junge sei. Bevor er Trauer als fundamental negative Emotion zulässt, streitet er lieber deren Ursache, also die Liebe zu seiner Mutter, ab.

Die mangelnde Trauerverarbeitung und die damit einhergehende Verleugnung der Liebe zu seiner Mutter erscheinen als Auslöser, dass Fritz sich fortan dagegen sperrt, Empathie zuzulassen. Ergänzend dazu versäumt er es, eine Entwicklung in der Kontrolle seiner Affekte durchzumachen. Besonders seine Wut und die daran anschließenden, unverhältnismäßigen Ausbrüche werden immer wieder hervorgehoben. Auf diese Weise kann er emotional nicht im Einklang mit sich und seiner Umwelt leben. Klar wird dies auch anhand seiner überheblichen, launenhaften und sturen Charakterzüge, die im Laufe der Handlung immer wieder die Korrektur seines Verhaltens von außen (durch Daniel) erfordern. Ganz zum Schluss kann Fritz jedoch endlich Erkenntnis gewinnen, sodass er den Verlust seines Vaters beweinen kann.

 

Schlussbemerkungen

Die Themenkomplexe Liebe/ Leid sowie Leben/ Tod werden eindrucksvoll in eine Geschichte über einen familiären Generationswechsel verwoben, an dessen Ende Hoffnung auf die Zukunft und Veränderung durch Erkenntnis stehen. So wird auch die Vielfalt der Sprache als Kommunikations-, Ausdrucks-, Realisierungs- und Machtmittel verdeutlicht: Nur wer mit sich und seinen Gefühlen im Einklang steht, kann Mitgefühl empfinden, wahrhaftig tiefgehende emotionale Bindungen zu anderen Menschen aufbauen. Jeder Mensch besitzt eine ernstzunehmende Verantwortung, wie er sich anderen Lebewesen gegenüber verhalten sollte und muss sich dahingehend Regeln sowie Grenzen zu Herzen nehmen. Kinder sind keine automatisch mit sich im emotionalen Einklang stehende Wesen, sondern müssen lernen, mit ihren Affekten umzugehen, um zu integren Erwachsenen zu werden.

Wie sind Ihre Gedankengänge dazu? Hoffentlich konnte dieser Beitrag etwas helfen, diesem unscheinbaren Alterswerk von Theodor Storm etwas mehr Beachtung zukommen zu lassen. Vielleicht haben Sie nun selbst Lust bekommen, beim Lesen des Textes über diesen weiter nachzudenken? Schauen Sie sich gerne selbst das Kunstwerk von Günter Schuster zu der Novelle in unserer aktuellen Sonderausstellung an! Wir haben in unserem zweiten Ausstellungsraum auch auf die Ausstellung angepasste Puzzle und Ausmalbilder ausgelegt. Auf einem der beiden Ausmalbilder ist ein Dompfaff abgebildet, der ebenfalls eine interessante Symbolik als Haustier von Fritz in der Novelle erhält.