Bötjer Basch – Macht und Ohnmacht der Sprache (1/2)

Seit dem 12. Oktober ist die aktuelle Sonderausstellung des freischaffenden Künstlers Günter Schuster bei uns im Literaturmuseum zu sehen. Sie trägt den Titel ,,Stationen. Arbeiten mit Material und Sprache“. Gemeinsam mit seiner Ehefrau und Soziologin, Dr. Birgit Nolte-Schuster betreut er seine Produzentengalerie, die Kulturfabrik am Hagelturm, in Hannoversch Münden. In seiner Schaffensvielfalt von einzelnen Objekten aus Papier, Tuch, Planen und Holz bis hin zu Installationen löst er gebrauchte, ‚verlebte‘ Materialien des Alltags aus ihrem Verwendungszusammenhang, um sie in eine künstlerisch-ästhetische Dimension zu überführen. In der Schaffung von Kunst mit Materialien inszeniert er weiterhin Wechselspiele mit Sprache.

Am 21. Januar 2026 wird der Künstler selbst eine Führung durch die beiden Ausstellungsräume bei uns im Literaturmuseum anbieten, schauen Sie bei Interesse unbedingt vorbei! Der Eintritt ist kostenlos und es gibt keine begrenzte Platzvergabe, das heißt, dass keine Anmeldung im Voraus nötig ist.

Eigens für die Ausstellung im Literaturmuseum beschäftigte er sich mit drei Werken von Theodor Storm. Neben der Novelle ,,Pole Poppenspäler“ sowie dem Gedicht ,,Halbe Arbeit“ entschied sich Günter Schuster für eine bisher stark in der Forschung vernachlässigte sowie in der allgemeinen Öffentlichkeit vergessene Novelle von Theodor Storm: „Bötjer Basch“. Auf dem Beitragsbild ist das betreffende Kunstwerk von Schuster mit dem Titel „Die Rose heisst Line Basch“ zu sehen.

Ähnlich wie in Schusters Werken lassen sich in ,,Bötjer Basch“ zentrale Motive in der Bearbeitung von verschiedenem Material sowie in die unterschiedlichen Bedeutungsebenen für Sprache als Medium wiederfinden. Günter Schusters Kunstsprache ist in der Regel das Französische. Demgegenüber nutzt eine der beiden Hauptfiguren, Fritz Basch, das Plattdeutsche und später das US-amerikanische Englisch als Stilmittel zur Konstruktion seiner Identität. Im Folgenden soll eine charakterliche Einordnung von Fritz Basch als kindlichem Redner in Verknüpfung mit dem Verständnis von Sprache als Machtmittel gegeben werden.

 

Was ist Macht? Sprache als Machtmittel

Sprache ist ein Medium. Sie ist nicht nur Realisierungs-, Kommunikations- und (persönliches) Ausdrucksmittel, sondern auch ein Instrument zur Schaffung, Durchsetzung, aber genauso Infragestellung von lebensweltlichen Machtstrukturen.

Unvermeidlich ist Macht in ihren verschiedenen Realisierungsformen an das ureigene Wesen des Menschen gekoppelt. So ist Macht gleichfalls die zeitlich sowie räumlich beeinflusste Existenzbedingung jeglicher sozialen oder politischen Ordnung, die ihrerseits Produkte menschlicher Vergesellschaftung sind. Als per se selbstbestimmtes Lebewesen steht der Mensch in seiner Handlungs- und Willensfreiheit immer in Wechselwirkung zu seiner Eingebundenheit in Hierarchien. In der Wortbedeutung des neuhochdeutschen Substantivs „Macht“, das auf das altgotische Verb „magan“ zurückgeht, lässt sich erkennen, dass jemand befähigt ist, etwas zu „machen“. Demnach ist Macht eine Fertigkeit, Einfluss auf seine Lebenswelt ausüben zu können, sie gemäß dem eigenen Gestaltungswillen zu formen.

Obwohl sich in der Soziologie bisher nicht auf eine einheitliche Definition von Macht geeinigt werden konnte, gilt diejenige von dem Soziologen Max Weber als eine der bekanntesten. Weber versteht Macht als die ,,Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (In: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie). Eine mögliche Realisierungsform dieser von Weber angesprochenen Chancen ist die verbal-artikulierte Chance, die Sprache.

Für ein Romantisches Sprachverständnis bekräftigte Novalis in „Heinrich von Ofterdingen“ der menschlichen Bewusstseinstradition entsprechend die Sprache als Instrument zur Erschließung der Welt und zelebriert dahingehend die menschliche Identitätsschaffung in der naturgegebenen Bewegungsfreiheit seiner sprachlichen Realisierungsfähigkeit. In die „kleine Welt in Zeichen und Tönen“ mischt sich bereits in Novalis‘ Vorstellung ein ambivalentes Empfinden über die wesenseigene Abstraktheit der Sprache, das spätestens dem modernen Menschen bewusst innewohnen sollte. Sprache ist in ihren verschiedenen Bestandteilen als Zeichensystem stets auslegungsbedürftig. Sie muss vom Empfänger verstanden werden. Als Ausdrucksmittel menschlicher Gefühl kann sie jedoch gleichsam als unzureichend empfunden werden. Manchmal fehlen dem Menschen auch aus (vermeintlich) eigenem Unvermögen die (richtigen?) Worte. Sprache kann aber auch dazu dienen, Missverständnisse zu klären und emotionale Verbindungsbrücken zu anderen Menschen zu bauen.

Das Romantische Verständnis von Sprache, die Lust am bloßen Wort und die Bewegung der Gedanken, verkennt, trotz ihrer von Novalis wahrgenommenen Allgegenwärtigkeit sowie Verortung des Menschen in lebensweltliche Strukturen, die Bedeutungsebene von Sprache als Machtmittel. Auf eindrückliche Weise wird in „Bötjer Basch“ diese Romantische Erwartungshaltung gegenüber der reinen Freude an der „schadlosen“ Sprache gebrochen. Zum Zweck dieses Bruchs wird es mit einem weiteren zentralen Motiv der Romantik verbunden: Die natürliche Unschuld des Kindes als Urform des Menschen. Gebündelt wird dieses Doppelmotiv bzw. dessen Bruch in der Verkörperung von Fritz Basch als zweite Hauptfigur der Novelle.

Wie viele seiner Novellen, verortet Storm die Handlung seiner Geschichte in einer norddeutschen Stadt, die sich durch die genannten Straßen als Husum identifizieren lässt. Ein namenloser Landvogt berichtet rückblickend die Lebensgeschichte von Daniel Basch. Um 1830 kauft Daniel ein kleines Haus und zieht kurze Zeit später mit seinem alten Gesellen sowie seiner Schwester Salome darin ein. Aufgrund ihres zunehmenden Alters kann Salome den ledigen Bruder nicht mehr in der Hauswirtschaft unterstützen. Sie will ihren Lebensabend in einem angrenzenden Stift verbringen und schlägt deswegen Daniel vor, ihre Arbeitskraft mit der Anstellung einer Magd zu ersetzen. Stattdessen entscheidet sich Daniel die jüngste Tochter des Hafenmeisters, Line Peters, zu heiraten. Beide führen eine harmonische Ehe, deren Krönung der gemeinsame Sohn Fritz ist.

 

Kleinkind Fritz spricht aus kindlicher Spielfreude über die Lebenswelt im Garten – und übt Macht aus

Auf herausragende Art wird Fritz Basch anhand seiner Sprache und in seiner Selbstinszenierung als Redner charakterisiert. Bereits im Kleinkindalter fällt der „ganz verteufelte Junge“ mit seiner sprachlichen Eigenwilligkeit auf. Schnell ist er allen in der Stadt bekannt. Sein plattdeutscher Dialekt spielt als Ausdrucksmittel seiner eigenen Identität sowie als Machtmittel zur Beeinflussung seiner Lebenswelt, besonders in der Durchsetzung seines Willens gegenüber seinen Mitmenschen, eine erhebliche Rolle. Mit ihm widerstrebt er von Anfang an erfolgreich den Erziehungsmaßnahmen seiner Mutter, die ihm einzig einen hochdeutschen Sprachgebrauch erlauben will.

Verknüpft wird das eher stille Ringen mit der Mutter um die eigene Redeweise mit Fritz‘ sprachlicher Entdeckung und damit einhergehenden kindlichen Beeinflussungs- oder sogar Aneignungsversuchen der Natur sowie ihren Lebewesen im hauseigenen Garten. So bezeichnet er eine Schnecke als ,Tinkeltut‘, fordert sie auf, ihm ihre Fühler entgegenzustrecken, um sie dann bei entsprechender Handlung als ,Dummbart‘ zu beschimpfen und sie Richtung Zaun zu werfen.

Wenn die Gartentiere ihm nicht gehorchen wollen, nimmt seine Stimme vor Zorn an Lautstärke zu. Dann versucht er ihnen mit physisch ausgeführter Einflussnahme seinen Willen aufzwingen. Das misslingt bei den Schmetterlingen, die der Junge im Gegensatz zu kriechenden Schnecken nie mit den Händen erwischen kann. Als Fritz einmal einem Schmetterling laut hinterherschimpft, wird seine Mutter darauf aufmerksam. Als Ablenkung für ihn schneidet sie Zweige ab, sodass er sich daraus eine Wiechelflöte schnitzen kann. Erneut dient ihm diese als Ausdrucksmittel für seine Sprachspiele. Mit der Flöte trägt er diese nun singend vor.

Dieser sprachliche Situationskomplex wird in seiner Bedeutung auf der Metaebene wegweisend für Fritz‘ charakterliche Entwicklung auf der Handlungsebene sein. Früh gewinnt der Junge, zunächst unbewusst, ein Gefühl dafür, inwieweit er Sprache als Machtmittel gebrauchen kann. Aber er bemerkt genauso, dass ihre Einflussnahme immer beschränkt ist. Beherrschung von Sprache und Beherrschung von innerer oder realer Lebenswelt müssen nicht identisch sein. Ein Gelingen in der Durchsetzungsart oder eben der Chance (nach Weber) von Macht hängt je nachdem von unterschiedlichen Rahmenbedingungen ab. Ebenso ist die Konstitution des Empfängers von Relevanz.

Um den Gegenstand nach seinem Willen bearbeiten zu können, muss Fritz anhand physischer Einflussnahme operieren. Sprachliche Einflussnahme auf den Gegenstand kann nur erfolglos sein. Obwohl ihm die Machtdurchsetzung gegen die Schmetterlinge schließlich nicht gelingt, verwirklicht er durch gesungene Sprache weiterhin seine Lebenswelt. Auf diese Weise formt er auch seine, in der Lebenswelt verankerte Identität. Das Spiel mit Sprache, dessen Ernsthaftigkeit das Kind noch nicht ermessen kann, beginnt von Neuem.

Dass er schnell gelernt hat, mit dem Messer zu schnitzen und dass er neben psychischer Einflussnahme per Sprache auch physischen Gestaltungswillen per Hand ausüben kann, zeigt nicht nur seine Eignung als Handwerker, sondern auch seine schnelle Auffassungsgabe. Die sich stets im Wandel befindliche, eigene Umgebung kann er anhand verschiedener Beeinflussungsmöglichkeiten immer wieder erschließen. Fritz wird als machtorientierter Mensch dargestellt. Trotz rhetorischer Gewandtheit und Gewitztheit in der Durchsetzung seines Willens wird er an entscheidenden Stellen in der Novelle scheitern. Mehr noch, wird er Machtlosigkeit in der Ohnmacht von Sprache erleben. Durch diese wird er selbst gezwungen sein, sein Weltbild sowie die damit einhergehende, von ihm gewollte Einflussnahme bzw. deren Zielsetzung zu revidieren. Allerdings wird er in seiner Identität bis zum Schluss der Handlung untrennbar mit seinem eigenwilligen Spiel von Sprache, mit seiner Selbstinszenierung als Redner verbunden bleiben.

 

Fortsetzung folgt…